Wunderschöne Hässlichkeit

Du stehst ganz unbeweglich da.
So majestätisch, so stolz!
Mitten im Sturm ein Ausrufezeichen aus Holz.

Du kunterbunte Eitelkeit,
die zu jeder Jahreszeit ihr Kleid
in verschiedenen Farben zeigt!

Du stummer Kronzeuge,
von Winden gepeitscht,
der zugleich Details seiner Geschichte schreit!

In welchem Wald hast Du gestanden,
als sie dich fanden und zu Fall brachten?

Und konntest Du schon ahnen,
dass sie an deinem Holz dem Leben selbst das Leben nahmen?

Als sie dich fällten und dir deine stolze Krone nahmen,
war dir da schon klar,
dass die nächste Krone, die du siehst,
ne Dornenkrone war.

Am dritten Tag der Schöpfung wurdest du geschaffen, und doch verreckt dein Schöpfer jetzt an deinen blutbefleckten Balken.

Oh wunderschöne Hässlichkeit!
Du Stamm an dem der Herrscher leidet!

Haben Menschen unter deinen Zweigen einst Schatten gesucht? Jetzt stehst du nackt da
und der Mann, der an dir hängt aller Würde beraubt verspottet und verflucht.

Und ich frage mich, ob du den Schmerz wohl spürst, als sie in dich die Nagel schlagen, die Löcher in die Hände graben, die heilten und die Wunder taten und unter unfassbaren Qualen ihn an dir befestigt halten.

Du Todesbalken, Du Schrecken, Du Tiefpunkt der Geschichte! Als Tonscherben über ihren Töpfer zu Gericht sitzen und dich aufrichten um ihn hinzurichten.

Oh wunderschöne Hässlichkeit!
Du Stamm an dem der Herrscher leidet!

Oh Handwerkskunst der Grausamkeit,
du Kunstwerk gleich, doch die allergrößte Schönheit zeigt.
In dem ergreifendsten Liebesbeweis, von dem, der selbst „die Liebe“ heißt!

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